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2004-01-23

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.Die Homepage als "Home of the Cyborgs" - Gekürzte Fassung meines Vortrags auf der Tagung "Engineering gender. Konfigurationen kybernetischer, virtueller und biopolitischer Existenzen". Genus, Universität Münster 2003 © juttafranzen

 

 

 

 

 

 

 

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Statt des Spiegels ist der "Cyberspace" das Medium, von dem aus die eigene Person und Identität als "Cyborg" vor- und her-gestellt wird. Dabei sind zwei Spannungsfelder kennzeichnend und grundlegend:

  • Die Home/Page eröffnet den Raum für die Inszenierung einer persönlichen Vielfalt, die simultan sowie in zeitlicher Abfolge offen bleibt und statt einer definitiven eine potentielle, i.e. virtuelle Identität von Körper, Gender und Selbst herstellt: "Ich bin mehrere."
  • Die Home/Page macht das Private öffentlich: "Privat" auf die eigene Person bezogen, ist die Selbstdarstellung in der <digitalen Matrix> zugleich "public", offen zugänglich und angewiesen auf den interaktiven Zugriff durch ein (anonymes) Publikum: "Ich bin eine Menge."[15]

Zum ersten Aspekt: "Ich bin mehrere"
Die Angaben zur Person auf einer Home/Page umfassen Elemente, wie sie auch in konventionellen Lebensläufen und Selbstdarstellungen zu finden sind: Biografisches, Berufliches, , Auflistung von Vorlieben und Abneigungen, Beschreibung von Hobbies, Vorstellung von Freunden und Verwandten.
Mit ihrer Übertragung in die Hypertextstruktur[16] des WWW erfahren diese Daten zugleich eine Veränderung: sie werden nicht definitv als "Fakten" gespeichert, sondern bleiben "under construction", offen für weitere Veränderungen.
Dabei geht es nicht um den Entwurf einer fiktiven Identität: anders als in Chats und MUDs, in denen es zum "Spiel" gehört, eine experimentelle Identität anzunehmen,[17]gilt für die Home/Page die Regel, ein authentisches Selbstportrait zu vermitteln.
Das Schreiben der eigenen Person als "Cyborg" wird als eine Technologie des Selbst (Foucault) praktiziert, die auf Selbstfindung und -erfüllung abzielt.
Die "Sorge" gilt dabei nicht mehr der Einheit und Fixierung der eigenen Person, sondern einer Identitätspraktik, die vielmehr Differenzen, Offenheit und Veränderung implementiert und einen offenen Prozess der Selbstfindung initiiert. Die Home/Page eröffnet "einen selbstbewusst konstruierten Raum",[18] der die Vielfalt der eigenen "Cyborg"- Identität(en) nicht als eine Bedrohung oder einen Verlust, sondern als ein Spiel und ein Potential der Selbstentdeckung herstellt und wahrnehmbar macht.[19]

Zum zweiten Aspekt: "Ich bin eine Menge."
Das "Home" ist darauf ausgerichtet, "Besucher" zu empfangen und ihnen einen angenehmen "Aufenthalt" zu bieten, so dass sie möglichst wieder kommen.
"Welcome"/"Willkommen" ist eine häufig anzutreffende Begrüßungsfloskel auf privaten Home/Pages, mit der zum Eintreten und Verweilen eingeladen wird.
Privatsphäre und Öffentlichkeit sind im "Cyberspace" einander nicht bipolar zugeordnet und wechselseitig ausgegrenzt, sondern verschränken sich zur Form der "Cyborg citizenship",[20] an der mit der eigenen Home/Page partizipiert wird. Da sich das "Home of the Cyborg" immer nur durch den aktuellen Datenabruf zeitbasiert online herstellt, ist die private Selbstdarstellung angewiesen auf ihre öffentliche Erreichbarkeit und das Feedback eines (anonymen) Publikums.

Andy Warhols Vision, "in the future everybody will be famous for 15 minutes," wird mit der Home/Page gleichermaßen zur Chance und zur Notwendigkeit.
Die Antwort auf die Frage "wer bin ich", wie sie auf der "Home/Page" entwickelt wird, braucht die Bestätigung. Ist es für das Spiegelbild das immer wieder erneute Begehren, das seine Flüchtigkeit bannt, so ist es für den "Cyborg" der Datenabruf, der ihn online (immer wieder) her-stellt und so bestätigt. Je mehr "Besucher" eine Home/Page hat, um so stärker ist die Bestätigung für die Cyborg-Identität.

http://las.alfred.edu/cgi-bin/pav/fame.pl

Besucherzähler, die sog. "counter" sind daher vorwiegend auf privaten Homepages zu finden. Da ihre Zuverlässigkeit umstritten ist , sind sie primär ein Zeichen für die Bedeutung, die der quantitativen Wirkung nach außen für die eigene Selbstdarstellung beigemessen wird.[21]
In ihrer Ausrichtung auf ein authentisches Selbstbild, bieten Home/Pages in der Regel keine Formen des "gender switching" und "gender bending", wie sie in MUDS und Chats häufig praktiziert werden. In Bezug auf die Geschlechterzuordnungen scheint das Schreiben der Cyborg-Gestalt noch am stärksten durch die tradierten Muster und die realen Machtpraktiken geprägt zu sein. Jill Arnold und Hugh Miller, die seit Ende der 90er Jahre vor allem Home/Pages von AkademikerInnen untersucht haben, stellt sich daher die Frage "Same old gender plot?"[22]
Bei den von Arnold und Miller analysierten Websites betonen die Home/Pages von Frauen stärker den öffentlich/kollektiven Aspekt der Selbstdarstellung. Sie orientieren sich im Sprachstil, mit Kommunikationsangeboten und Vernetzung zu anderen Home/Pages an ihren BesucherInnnen. Männer hingegen nutzen die Home/Page vorwiegend, um die eigene Person und Leistung vorzuführen.
Die subversive Kraft, die Haraway sieht der Cyborg-Gestalt zuordnet, indem sie nicht nur die tradierten Geschlechterzuordnungen, sondern das binäre Schema von fe/male selbst in einer "post-gender"- Welt fragwürdig werden lässt, ist im Cyberspace virtuell als Potential vorhanden, doch noch keineswegs umgesetzt. Mit der eigenen Home/Page ist nurmehr der Raum eröffnet, dieses Potential zu nutzen und durch Schreibpraktiken, die "Kommunikation und Intelligenz neu zu kodieren, um Kommando und Kontrolle zu untergraben."[23]

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